Foto. Mittagessen im Notaufnahmelager Marienfelde, 13. Juli 1961.
© Landesarchiv Berlin

Do, 07.04.2016 - 10:00 Uhr bis Fr, 08.04.2016 - 17:00 Uhr
Zwischen Abschied und Ankommen. Integration in der Erfahrung von Migrantinnen und Migranten

Zwischen Abschied und Ankommen - Flyer
Wissenschaftliche Tagung

Initiiert durch das Forschungsprojekt „Im Westen angekommen? Die Integration von DDR-Zuwanderern als historischer Prozess“ der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde - Stiftung Berliner Mauer und der Justus-Liebig-Universität Gießen, gefördert durch die VolkswagenStiftung

Anmeldung für die Tagung erbeten bis
zum 4. April 2016 an Katharina Hochmuth

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Fon +49 (0)30 467 98 66 66

Flucht und Migration gehören derzeit zu den drängenden Themen der nationalen wie internationalen Politik. Bei aller Willkommenskultur: Staaten, Länder und Kommunen fühlen sich oft überfordert bei der Vorstellung, das scheinbar nicht abreißende Aufkommen an zureisenden Menschen zu bewältigen und die damit verbundenen Herausforderungen in den aufnehmenden Gesellschaften zu rechtfertigen. Oft entsteht dabei der Eindruck, als handele es sich um ein spezifisches Problem der Gegenwart, das gänzlich neu überdacht werden müsse. Tatsächlich sind Flucht, Vertreibung und mehr oder weniger freiwillige Migrationen als Reaktion auf religiöse, politische oder wirtschaftliche Notlagen – oder aber als je individuelle Entscheidungen – wiederkehrende Ursachen von Ortswechseln gewesen.

Die oft unhistorisch verkürzte Wahrnehmung der Öffentlichkeit, aber auch die meist separat voneinander betriebenen Forschungen zu den jeweiligen Migrantengruppen neigen dazu, den Wechsel des Ortes, der Kultur oder der Gesellschaft als Abweichung von einem Normalzustand der heimatlichen Sesshaftigkeit und damit einer scheinbar natürlichen kulturellen und räumlichen Zugehörigkeit zu werten. Das stellt sich in längerfristiger Perspektive jedoch als ebenso problematisch heraus wie die Kategorisierungen, mit denen die Vielfalt individueller Motive und Schicksale oft vereindeutigt wird, um sie politisch und administrativ bearbeiten zu können. Beides vernachlässigt zudem ein nomadisierendes Element des menschlichen Lebens, das seine Chancen oft dort sucht, wo sie sich ihm bieten.

Ein von der VolkswagenStiftung gefördertes Forschungsprojekt „Im Westen angekommen? Die Integration von DDR-Zuwanderern als historischer Prozess“ untersucht seit zwei Jahren eine vergleichsweise privilegierte Migrantengruppe, die deutsch-deutschen Übersiedler der Jahre 1949–1990. Als deutsche Staatsbürger hatten sie in ihrem neuen Umfeld kaum Sprach- und vergleichsweise geringe Anerkennungshürden zu nehmen, und es standen zahlreiche Hilfen bereit, um ihre Eingliederung in die alte Bundesrepublik zu befördern. Interviews mit den Betroffenen weisen aber darauf hin, dass gerade die schematisierenden Aspekte des administrativen und kulturellen Integrationsprozesses als inadäquat empfunden wurden.

Die Tagung möchte sich weniger den vielfältigen Ursachen von Migration widmen, sondern sich vornehmlich auf den historischen Vergleich derjenigen Migrationsphasen konzentrieren, die man als Integration bezeichnet. Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede gibt es zwischen Nachkriegsflüchtlingen, Vertriebenen und Asylsuchenden? Welche zu den „Gastarbeitern“ und den Spätaussiedlern? Welche Differenzen stießen hier aufeinander? Welche Institutionen stellten welche Art von Hilfen bereit? Welche Kriterien sind für eine „erfolgreiche“ Integration, Eingliederung oder Akkulturation angelegt worden? Gibt es eine Hierarchie von Integrationshemmnissen? Ab wann erscheint eine solche Integration als abgeschlossen? Und ist schließlich die aufnehmende Gesellschaft durch den Zuzug von Menschen selbst verändert worden?

Es scheint an der Zeit, diese Fragen im 21. Jahrhundert, in welchem der Ortswechsel für immer mehr Menschen zur Regel statt zur Ausnahme wird, neu zu stellen und zu diskutieren. Hierzu sollen VertreterInnen von bislang meist getrennt arbeitenden Forschungsinitiativen zur Migration nicht nur deshalb miteinander ins Gespräch gebracht werden, um zu einer breiter aufgestellten Geschichte von Ortswechseln im 20. Jahrhundert vorzudringen. Es sollen auch grundlegende Begriffe und Kategorien hinterfragt und ggf. über Alternativen hierzu nachgedacht werden.

Tagungsprogramm:

Mittwoch, 6. April 2016
17.00 - 18.30 Uhr
Bettina Effner | Führung durch die Erinnerungsstätte
Notaufnahmelager Marienfelde

Treffpunkt: Foyer, Marienfelder Allee 66–80, 12277 Berlin

Donnerstag, 7. April 2016
10.00 Uhr
Maria Nooke, Stiftung Berliner Mauer | Begrüßung
Dirk van Laak, Gießen | Einführung in die Tagung

Panel 1: Was ist ein Flüchtling?

10.15 Uhr
Patrice Poutrus, Berlin | Macht es einen Unterschied in der Integration? Flüchtlinge - Arbeitsmigranten - politisch Verfolgte
Imke Sturm-Martin, Köln | Rubbing along happily? Migration und die britische Gesellschaft seit dem Zweiten Weltkrieg
11.30 Uhr
Kaffeepause
11.45 Uhr
Andrea Genest, Berlin | Zur Konstruktion des Flüchtlings­bildes in den 1950er- und 1960er-Jahren
Moderation: Helge Heidemeyer, Berlin
13.00 Uhr
Mittagspause
14.00 Uhr
Susanne Muhle, Stiftung Berliner Mauer |Führung durch die Gedenkstätte Berliner Mauer
Treffpunkt: Foyer Besucherzentrum Bernauer Straße

Panel 2: Migrationsregime – Handlungsspielräume von Migrantinnen und Migranten im 20. Jahrhundert

15.00 Uhr
Sylvia Hahn, Salzburg | Südeuropäische Migration nach Zentral- und Westeuropa nach 1945
Ann-Judith Rabenschlag, Södertörn | Politik und Praxis der Einwanderung in die DDR 1945–1990
16.30 Uhr
Kaffeepause
16.45 Uhr
Florentin Mück, Gießen | Selbstorganisation von Zuwanderern in Hessen. Moderation: Isabella Löhr, Leipzig
18.00 Uhr
Abendimbiss
19.00 Uhr
Öffentliche Abendveranstaltung
Ankommen - und dann? Integration in der Erfahrung von Migranten und Migrantinnen
Bettina Effner | Begrüßung
Andrea Genest | Visuelle Einführung

Anas Sharaf Aldeen (syrischer Bauingenieur)
Lorraine Bluche, Frauke Miera (Ausstellungs­kuratorinnen)
Maja Lasic (SPD-Kandidatin für das Berliner Abgeordnetenhaus)
Andreas Germershausen (Beauftragter des Berliner Senats für Integration und Migration)

Moderation: Jacqueline Boysen (Journalistin)
Im Anschluss: kleiner Empfang

Freitag, 8. April 2016

Panel 3: Integration als Herausforderung

10.00 Uhr
Haci Halil Uslucan, Duisburg/Essen | Erziehung und Bildung in (türkischen) Zuwandererfamilien
Jannis Panagiotidis, Osnabrück | Avantgarde der Migrationsgesellschaft: die Herausforderung der Aussiedlerintegration im Wandel der Zeit
11.30 Uhr
Kaffeepause
11.45 Uhr
Bettina Effner, Berlin | Das Spezifische deutsch-­deutscher Migration. Moderation: Kathrin Kollmeier, Potsdam
13.00 Uhr
Mittagspause

Panel 4: Migration und Erinnerung

14.00 Uhr
Rainer Ohliger, Berlin | Europäische Nachkriegs­geschichte als Migrationsgeschichte?
Michael Schwartz, Berlin | Deutsche Vertriebene und Flüchtlinge - eine weiterhin aktuelle Frage?
15.30 Uhr
Kaffeepause
15.45 Uhr
Laura Wehr, München | Ankommen und Integration in der Erinnerung von DDR-Übersiedler-Familien. Moderation: Simone Derix, Bielefeld/München
16.30 Uhr
Abschlussdiskussion


Download: Tagungsprogramm [PDF, 1,1 MB]