Foto. Mittagessen im Notaufnahmelager Marienfelde, 13. Juli 1961.
© Landesarchiv Berlin

So, 14.04.2013 - 11:00 Uhr
"60 Jahre Notaufnahmelager Marienfelde"

FESTAKT MIT BUNDESPRÄSIDENT JOACHIM GAUCK UND BÜRGERMEISTER VON BERLIN FRANK HENKEL

Festakt "60 Jahre Notaufnahmelager Marienfelde"
Als Bundespräsident Joachim Gauck am 14. April 2013 kurz vor 11.00 Uhr auf dem Gelände des ehemaligen Notaufnahmelagers Marienfelde aus seiner Limousine steigt, warten bereits rund 100 Flüchtlinge und Asylbewerber mit ihren Kindern auf ihn. Die Bewohner des heutigen Übergangswohnheims haben sich mit Blumen und bunten Plakaten, auf denen Willkommen in zahlreichen Sprachen steht, für den hohen Besuch vor dem ehemaligen Speisesaal aufgestellt. Bundespräsident Joachim Gauck freut sich über den herzlichen Empfang und schüttelt begeistert Hände – Motive, die die zahlreich anwesenden Medienvertreter mit ihren Kameras und Fotoapparaten gerne festhalten.

Dann kann der offizielle Teil des Programms beginnen. Bürgermeister und Senator für Inneres und Sport von Berlin, Frank Henkel, Prof Dr. Axel Klausmeier, der Direktor der Stiftung Berliner Mauer, sowie Bettina Effner, die Leiterin der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde, geleiten den Ehrengast in den Saal, wo er und Frank Henkel sich in das Gästebuch der Erinnerungsstätte eintragen. Die 140 geladenen Gäste und rund 40 Medienvertreter erheben sich, als der Bundespräsident den Raum betritt.

Festakt "60 Jahre Notaufnahmelager Marienfelde
„Meine Damen und Herren, als erstes: herzlichen Dank für den überraschenden Empfang. Ich hatte mir vorgestellt, ich würde hier jeder Menge grauer und weißer Haare begegnen – und der erste Eindruck waren dann Kinder,“ mit diesen Worten beginnt Bundespräsident Joachim Gauck seine Rede, die einen Bogen spannt von der Würdigung der deutsch-deutschen Flüchtlinge über die Integrationsleistung der Bundesrepublik Deutschland bis hin zur aktuellen Asylpolitik.

Festakt "60 Jahre Notaufnahmelager Marienfelde"
Einige Auszüge aus seiner vielbeachteten Rede:

„Es begegnet uns hier in Marienfelde etwas, das so alt ist wie die Menschheitsgeschichte – dass Menschen flüchten müssen oder weggehen wollen. Beides ist höchst gegenwärtig, wie wir jeden Tag erleben können. Höchst gegenwärtig ist sie, die Sehnsucht nach Freiheit, nach einem Leben und Gestaltungsmöglichkeiten in Freiheit und aus Freiheit, nach einem Leben ohne Angst, nach einem Leben ohne Unterdrückung, nach einem besseren Leben, nach Wohlstand, auch für die eigenen Kinder.
Festakt "60 Jahre Notaufnahmelager Marienfelde"

So erinnert Marienfelde heute an die deutsche Teilung und an ihre Überwindung, an die Anziehungskraft und die Aufgaben von Demokratie, von Rechtstaatlichkeit und Freiheit. Und sie gemahnt uns zugleich an das, was Gegenwart ist: dass überall in unserem Land und auf der Welt Menschen auf der Suche sind nach Rechtstaatlichkeit, nach einem besseren Leben, nach einem Leben in Freiheit.“
Festakt "60 Jahre Notaufnahmelager Marienfelde"
Nach der Rede des Bundespräsidenten führten die SchauspielerInnen Saskia Kästner, Frank Roder und Sabine Weisshaar Spielszenen zum Thema „Flucht“ auf. Die Szenen, die Regisseur Georg Piller inszeniert hatte, beruhen auf Zeitzeugenberichten, Zeitungsartikeln, Polizeiprotokollen, Dienstanweisungen und anderen historischen Dokumenten. Sie fanden viel Beifall beim Publikum.
Festakt "60 Jahre Notaufnahmelager Marienfelde"
Dann betrat Bürgermeister und Senator für Inneres und Sport von Berlin Frank Henkel mit den drei Zeitzeugen Dr. Renate Werwigk-Schneider, Wilfried Seiring und Reinhard Klaus die Bühne. Frank Henkel, dessen Familie 1981 aus der DDR nach West-Berlin übersiedelte, bezeichnete das Notaufnahmelager Marienfelde als seine „erste Adresse in die Freiheit“. Im Gespräch schilderten die Zeitzeugen ihre Erfahrungen mit der Flucht und im Notaufnahmelager Marienfelde.

Dr. Renate Werwigk-Schneider wurde zweimal wegen Fluchtversuchen verhaftet und 1968 freigekauft. Wilfried Seiring floh 1957 mit der S-Bahn nach West-Berlin. Er hatte an der Universität Greifswald eine FDJ-Versammlung einberufen, um eine Resolution zu verabschieden, die zur Solidarisierung mit den um Meinungs-, Versammlungs- und Pressefreiheit kämpfenden ungarischen Studenten aufrief. Daraufhin war er exmatrikuliert worden. Reinhard Klaus wurde im Mai 1989 aus der DDR abgeschoben, weil sein Engagement für Umweltschutz der SED ein Dorn im Auge war.

Festakt "60 Jahre Notaufnahmelager Marienfelde"
Für das musikalische Begleitprogramm des Festaktes sorgten die Sängerin Rose Louis-Rudek aus dem Südsudan mit dem Lied „Donna, Donna“ und die drei Studenten der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin, Adi Haroni (Geige), Kinneret Sieradzki (Geige), Noa Chorin (Cello) mit dem Trio Nr. 4 in F-Dur von Joseph Haydn.
Festakt "60 Jahre Notaufnahmelager Marienfelde
Auf dem anschließenden Empfang in der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde, den auch der Bundespräsident besuchte, sorgten die Rede des Bundespräsidenten, das Zeitzeugengespräch mit Bürgermeister und Senator für Inneres und Sport von Berlin Frank Henkel und die Theaterszenen für reichlich Gesprächsstoff unter den Gästen.
Festakt "60 Jahre Notaufnahmelager Marienfelde"
Festakt "60 Jahre Notaufnahmelager Marienfelde
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Fotos:© ENM - Gesa Simons