Foto. Flüchtlinge in ihrer Unterkunft im Notaufnahmelager Marienfelde bei der Lektüre der Zeitung, 8. Oktober 1953.
© Landesarchiv Berlin

27. August 2009

Sonderausstellung „Mit der S-Bahn in den Westen“ eröffnet

Heute wird in der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde um 19.00 Uhr die Sonderausstellung „Mit der S-Bahn in den Westen“ eröffnet. Die historische Bedeutung der Berliner S-Bahn im Kontext von Flucht, Ausreise und Besuchsreisen in der geteilten Stadt steht im Zentrum der Schau, die mit zahlreichen Exponaten, vielen Zeitzeugenberichten sowie Bild- und Tondokumenten aufwartet. Bei der Eröffnung werden die SchauspielerInnen Saskia Kästner, Frank Roder und Lale Weisshaar unter der Regie von Georg Piller Theaterszenen aufführen, die auf Zeitzeugenberichten, Zeitungsartikeln, Polizeiprotokollen, Dienstanweisungen und anderen historischen Dokumenten beruhen. Die Szenen sollen nächstes Jahr in Waggons der Berliner S-Bahn gespielt werden.

Die S-Bahn gehörte zur Deutschen Reichsbahn und wurde bis zur Übergabe der Strecken an die BVG 1984 in Ost-Berlin verwaltet. Die DDR betrachtete das West-Berliner Bahngelände als eigenes Territorium, für die Westalliierten handelte es sich dabei nur um ein Nutzungsrecht. Die S-Bahn war deshalb immer wieder Gegenstand von Auseinandersetzungen. Mit dem 13. August 1961 verschärfte sich der Konflikt. Am Tag des Mauerbaus bezogen Volkspolizisten einen Wasserturm am S-Bahnhof Gesundbrunnen in West-Berlin und schrieben „DDR“ an die Fassade. Im April 1962 ließ die Reichsbahndirektion auf Geheiß der Westalliierten ein D überstreichen und später den Turm abreißen. Drei Tage nach dem Mauerbau rief der Deutsche Gewerkschaftsbund die West-Berliner Bevölkerung zum Boykott der S-Bahn auf. Demonstranten blockierten Bahnhöfe, demolierten Waggons und beschimpften S-Bahner.

Auch außergewöhnliche Ost-West-Beschäftigungsverhältnisse sind Thema in der Ausstellung. Rund 8.000 Reichsbahner lebten 1961 in West-Berlin, 1.200 davon arbeiteten bei der S-Bahn. Das Arbeitsrecht entsprach dem der DDR, bezahlt wurde in DM, die Ausbildung erfolgte aber in Ost-Berlin. Heute kaum mehr vorstellbar: Zum 1. Mai wurden die S-Bahnen mit der DDR-Staatsflagge und einer roten Fahne geschmückt.

Ein Highlight unter den Exponaten ist ein von Hand am Bahnhof Baumschulenweg abgeschriebener S-Bahn-Fahrplan vom 13. August 1961, dem Tag des Mauerbaus. Beeindruckend sind auch die Zeitzeugenberichte, die bei den Bild- und Tondokumenten großen Raum einnehmen. Meinhard Schröder, 1960 mit seiner Mutter in der S-Bahn nach West-Berlin geflohen, beschreibt seine damaligen Ängste eindringlich: „Der Hälfte der Leute, die dort drinsaßen, hat man angesehen, dass sie abhauen wollten. Da war‘ n altes Bauernehepaar, ach Gottchen, dachte ich, wenn die Grenzkontrolle kommt, na die holen sie doch als Erstes raus … ich hatte das Gefühl, es kann gar nicht anders enden, als dass ich vor der Grenze rausgeholt werde … ich als Oberschüler, der West-Berlin nicht betreten durfte … So, und dann kommen die Kontrolleure, gehen durch die Reihen durch … ‘Halten Sie bitte die Ausweise hoch!‘ … Und er guckt rein … und geht weiter … Und dann fuhren wir eben bis S-Bahnhof Jungfernheide … ganz vorsichtig geguckt auf dem Bahnsteig ... Und erst als wir draußen vor dem Gebäude waren, da sind wir uns in die Arme gefallen.“

„Die Zeitzeugen bereichern diese Ausstellung, die wir anlässlich des 20-jährigen Jubiläums des Mauerfalls ausrichten, sehr. Ihre Aussagen beleuchten die komplizierte Situation der Berliner S-Bahn in der geteilten Stadt. Sie lassen das Leid und die Schwierigkeiten im Alltag der Bevölkerung, die der Mauerbau verursachte, spürbar werden“, erläutert Bettina Effner, die Leiterin der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde.

Die Ausstellung wird mit Mitteln der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gefördert.
Sie wurde von Rücker & Szatmary Ausstellungen, Berlin, kuratiert; Kooperationspartner ist die Stiftung Deutsches Rundfunkarchiv.

Pressemitteilung als pdf [PDF, 140,00 KB]

Pressekontakt
Judith Bilger
Tel.: +49 (0)30 - 75 00 84 00
E-Mail an J. Bilger