Foto. Flüchtlinge in ihrer Unterkunft im Notaufnahmelager Marienfelde bei der Lektüre der Zeitung, 8. Oktober 1953.
© Landesarchiv Berlin

26. Februar 2009

Neues Buch der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde

Heute erscheint das neue Buch der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde – Stiftung Berliner Mauer „… war ihm nicht zuzumuten, länger in der SBZ zu bleiben“. Die rund 100 Seiten starke Studie der Historikerin Elke Kimmel, die der Metropol-Verlag herausbringt, basiert auf rund 200 in Marienfelde angelegten Akten aus den 1950er und 60er Jahren mit Berichten, Beurteilungen und Schriftverkehr zu DDR-Flüchtlingen. Sie gibt Einblick in die Aufnahmepraxis des Notaufnahmelagers Marienfelde, analysiert das Handeln der zuständigen Dienststellen und Politiker und bezieht an Hand von Einzelbeispielen die Erfahrungen von Flüchtlingen ein.

Marienfelde war die erste Anlaufstelle in West-Berlin für 1,35 Mio. Flüchtlinge und Übersiedler aus der DDR. Die Bemühungen um Aufnahme und Integration, die unmittelbar mit der über 50-jährigen Geschichte des Aufnahmelagers verbunden sind, stehen im Zentrum des Buches von Elke Kimmel. So geht die Autorin der Frage nach, welche Kriterien bei der Aufnahme bzw. der Gewährung staatlicher Unterstützung eine Rolle spielten. Hatten sich die Antragsteller in einer besonderen Zwangslage befunden, der sie sich nur durch Flucht entziehen konnten? Oder lag ein schwerer, nicht selbst zu vertretender Gewissenskonflikt vor? Zu diesen Sachverhalten mussten sich die Behördenmitarbeiter ein Urteil bilden. Einen Gewissensnotstand sahen sie beispielsweise bei Fritz L. gegeben, der befürchtet hatte, noch stärker vom Ministerium für Staatssicherheit unter Druck gesetzt zu werden, das ihm bereits einen Überwachungsauftrag erteilt hatte. Er kehrte deshalb von einem West-Urlaub nicht in die DDR zurück.

Etwa die Hälfte der Flüchtlinge, die zwischen 1949 und 1961 in den Westen kamen, waren Jugendliche unter 25 Jahren. Von diesen Jugendlichen brach wiederum die Hälfte allein, ohne Familie, in die Bundesrepublik auf, wie die 12-köpfige Klasse einer Rostocker Schule, die sich nach Androhung von Haft aufgrund ihres Protests gegen die Niederschlagung des Ungarnaufstands 1956 zur Flucht entschloss. Den Jugendlichen galt das besondere Augenmerk der Behörden. Für sie wurden eigene Aufnahmelager mit besonderen Betreuungsangeboten eingerichtet. Hilfen bei der Arbeitsvermittlung und berufsfördernde Maßnahmen sollten ihnen die Integration erleichtern.

„Das Buch von Elke Kimmel zeigt die ganze Bandbreite der Aufnahmepraxis für DDR-Flüchtlinge. Der Autorin ist es gelungen, ein lebendiges Bild des Notaufnahmelagers und der hier tätigen Behörden zu zeichnen, und sie hat das Ringen um Anerkennung als Flüchtling anschaulich mit Beispielen unterlegt,“ urteilt Bettina Effner, die Leiterin der Erinnerungsstätte.

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