Foto. Flüchtlinge in ihrer Unterkunft im Notaufnahmelager Marienfelde bei der Lektüre der Zeitung, 8. Oktober 1953.
© Landesarchiv Berlin

16. Juni 2008

Notaufnahmelager Marienfelde im Vorfeld des 17. Juni 1953 gegründet

Die Ursachen des Volksaufstands in der DDR am 17. Juni 1953 gehen auf die II. Parteikonferenz der SED im Juli 1952 zurück. Walter Ulbricht hatte den planmäßigen Aufbau des an der Sowjetunion orientierten Sozialismus verkündet. Die Folgen sind eine schwere Versorgungskrise und ein Rückgang der industriellen Produktion. Die Unzufriedenheit mit dem DDR-Regime führte zu einer verstärkten Abstimmung mit den Füßen. Allein im Jahr 1952 flüchteten 182.393 Menschen aus der DDR. 1953 stiegen die Flüchtlingszahlen erneut an. Während im Januar 22.396 DDR-Bürger das Land verließen, waren es im März 1953 bereits 58.605. Um diese Flüchtlingsströme besser auffangen und betreuen zu können, wurde das Notaufnahmelager Marienfelde am 14. April 1953 eröffnet.

Vor dem krisenhaften gesamtstaatlichen Hintergrund verkündete die DDR-Regierung im Mai 1953 eine Erhöhung der Arbeitsnormen um 10,3 Prozent bis zum 30. Juni 1953. Dies gab den Ausschlag für die flächendeckenden Proteste, denen sich über 400 Orte und rund 600 Betriebe in der DDR anschlossen. Wer sich am Aufstand beteiligt hatte, musste mit dem Schlimmsten rechnen. Für Günther Dilling, einen Zeitzeugen der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde, war der 18. Juni 1953 der Tag, der sein Leben veränderte: „Frühmorgens um 9.00 Uhr wurde ich verhaftet, weil ich mich am Tag zuvor als gewählter Streikführer an den Protesten gegen die DDR-Führung beteiligt hatte. Ich wurde zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt.“ Er kehrte 1954 nach seiner Freilassung der DDR den Rücken. Joachim Berthold, verließ die DDR Ende 1953 als damals 24-jähriger Junglehrer, nachdem er in der Folge des 17. Juni eine Erklärung zur Unterstützung der Regierung unterzeichnen sollte. „Diese Forderung konnte ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren“, erklärt Berthold. „So sah ich für mich in der DDR keine Perspektive mehr.“

„Unsere Zeitzeugen belegen mit ihren persönlichen Geschichten den Unrechtscharakter des SED-Regimes. Sie führen eindringlich vor Augen, dass Freiheit ein wichtiges Gut ist, für das auch die Menschen am 17. Juni 1953 auf die Straßen gingen. Mit ihren Erlebnissen tragen die Zeitzeugen dazu bei, dass jedes Kapitel in der deutsch-deutschen Geschichte nicht in Vergessenheit gerät, “ bemerkt Dr. Helge Heidemeyer, Vorstand der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde.

Die Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde wird zusammen mit der Gedenkstätte Berliner Mauer in die „Stiftung Berliner Mauer“ überführt. Sie ist damit Teil der neuen Gedenkstättenkonzeption des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, die am 18. Juni 2008 vom Kabinett verabschiedet werden wird.

Pressemitteilung als pdf [PDF, 80,00 KB]

Pressekontakt
Judith Bilger
Tel.: +49 (0)30 - 75 00 84 00
E-Mail an J. Bilger