Foto. Flüchtlinge in ihrer Unterkunft im Notaufnahmelager Marienfelde bei der Lektüre der Zeitung, 8. Oktober 1953.
© Landesarchiv Berlin

19. Februar 2008

19. Februar 2008

Erinnerungsstätte Marienfelde erschließt Unterlagen zur DDR-Flucht

Rund 300 Aktenordner mit Schriftverkehr zu DDR-Flüchtlingen in West-Berlin und der Bundesrepublik werden derzeit von der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde ausgewertet. Kooperationspartner ist das Landesarchiv Berlin, dem der aufschlussreiche Aktenbestand vom Landesamt für Gesundheit und Soziales übergeben wurde. Die Akten erlauben detaillierte Einblicke in die Situation der Neuankömmlinge im Westen und zeigen, mit welchen Repressionen das SED-Regime Flüchtlingen und ihren Angehörigen begegnete.

Wie sehr viele Flüchtlinge unter der Trennung von Freunden und Verwandten litten, wird in zahl-reichen Schreiben an die zuständigen Berliner Behörden und Hilfsorganisationen deutlich. So formuliert etwa Bärbel K. 1963 in einem Brief an den Sozialsenator ihren innigsten Wunsch: ein einziges Mal nach sechs Jahren Trennung die Eltern in Ostberlin zu treffen, damit diese Ehemann und Kinder kennen lernen können. Der Senator rät der nach Köln übergesiedelten Ex-DDR-Bürgerin dringlich ab. Ihr Vorhaben drohe sie selbst in Gefahr und bei einer eventuellen Festnahme auch ihre Kinder in Schwierigkeiten zu bringen. Dass solche Befürchtungen wohlbegründet waren, zeigt der ebenfalls 1963 dokumentierte Fall zweier 22-Jähriger: Von Heimweh und Sehnsucht nach den Angehörigen getrieben, wechseln die jungen Männer von West- nach Ostberlin, werden dort aufgegriffen und wochenlang im Lager Blankenfelde festgehalten, bevor man sie in den Westen abschiebt.

Von Verhaftungen ist in mehreren Akten die Rede. Else D. etwa wurde nach der Flucht ihres Ehemanns 1961 in der DDR verhaftet. Nach Verbüßung ihrer Haft kann sie in die Bundesrepublik übersiedeln. Die Aufenthaltserlaubnis und damit verbundene Hilfsleistungen werden ihr wegen überdurchschnittlicher seelischer Bedrängnis gemäß der Aufnahmepolitik der Bundesrepublik zuerkannt.

„Hinter jeder Akte steht ein Schicksal. Mit Hilfe der Unterlagen können wir unser Bild von der Situation der Flüchtlinge vertiefen. Wir erfahren einmal mehr, welche Auswirkungen das unmenschliche DDR-Regime und das Ausgesperrtsein aus der früheren Heimat auf das Leben der Einzelnen hatten. Das Ergebnis unserer Arbeit werden wir im Herbst in einer umfangreichen Broschüre der Öffentlichkeit vorstellen“, erläutert Bettina Effner, Leiterin der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde.

Auch Skurriles findet sich in den Akten. Nicht selten tauchen Heiratsgesuche auf. Werner B. etwa, ein Bundeswehrsoldat aus München, möchte gern einer jungen Frau aus der DDR die Chance geben, „in geordneten Verhältnissen Sicherheit und Ruhe zu finden“. Doch derartige Anfragen wurden vom Sozialsenator grundsätzlich negativ beschieden: „Meine Flüchtlingsstelle in Marienfelde kann sich mit solchen Vermittlungen nicht befassen.“

Pressemitteilung als pdf [PDF, 80,00 KB]

Pressekontakt:
Judith Bilger Pressereferentin
Tel.: +49 (0)30 - 75 00 84 00
E-Mail an J.Bilger