Foto. Flüchtlinge in ihrer Unterkunft im Notaufnahmelager Marienfelde bei der Lektüre der Zeitung, 8. Oktober 1953.
© Landesarchiv Berlin

13. Oktober 2006

Pressemitteilung: "Dieser Tag hat unser Leben verändert." Zeitzeugen erzählen in Marienfelde von ihrer Flucht über Ungarn 1989

In der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde kommen am Freitag, 20. Oktober, drei Familien zusammen, die eine einschneidende Erfahrung verbindet: Sie alle flohen im August 1989 über Ungarn aus der DDR in die Bundesrepublik. Anlass für das Treffen ist die Aufführung von Konrad Herrmanns bewegendem Dokumentarfilm „Jetzt oder nie – Die Grenzgänger von Sopron“ (ZDF) in Marienfelde. Im anschließenden Gespräch mit dem Regisseur erinnern sich die im Film porträtierten Zeitzeugen an den geschichtsträchtigen Sommer 1989.

Die Fluchtgeschichte der Pfitzenreiters aus dem Eichsfeld begann im Mai 1989. Damals berichteten westdeutsche Fernsehsender vom Abbau der ungarischen Grenzanlagen und ersten erfolgreichen Flüchtlingen. „Von da an“, erzählt Margarethe Pfitzenreiter, „bin ich jede Nacht um zwölf Uhr aufgestanden und habe heimlich unsere Habseligkeiten aus dem Haus getragen. Geschirr, Besteck, die Nähmaschine habe ich in der Scheune von Bekannten im Heu versteckt. Denn für mich war klar: Diesem Staat überlassen wir nichts. Unsere beiden Söhne, neun und 15 Jahre alt, durften von den Fluchtplänen nichts wissen. Den Eltern habe ich gesagt, wir fahren nach Berlin.“ In Wirklichkeit reiste die Familie nach Ungarn. Dort nutzte sie die Grenzöffnung im Rahmen des „Paneuropäischen Picknicks“ am 19. August 1989 zur Flucht.

Mit ihnen flohen über 600 DDR-Bürger, so auch die Familien Sobel und Nagler. Für Walter Sobel war der Tag des Picknicks „nach der Geburt der Kinder der emotionalste in meinem Leben“. Er überschritt damals mit Frau und zwei Töchtern die Grenze. Von den Naglers war zunächst nur der 18-jährige Stephan zur Flucht entschlossen. In letzter Minute, kurz vor dem Grenztor, entschied sich der 16-jährige Bruder Andreas mitzugehen: „Ich hatte keine Zeit zum Nachdenken, es war ein ganz spontaner Entschluss.“ Der Vater blieb auf ungarischer Seite und reiste allein zurück in die DDR.

Die drei Familiengeschichten stehen aus Sicht des Regisseurs Konrad Herrmann exemplarisch für viele Flüchtlingsschicksale des „Paneuropäischen Picknicks“: „Alles begann mit wenigen historischen Fotos und einem exklusiven Amateurvideo aus dem Jahre 1989. Nach aufwändigen Recherchen haben wir die damaligen Akteure dann ausfindig machen können. Damit begannen die Dreharbeiten. Auch für unser Team war es bewegend, wie sich ganz unterschiedliche Menschen nach 15 Jahren zu ihren damaligen Ängsten äußerten und ihre Hoffnungen beschrieben. Dadurch wurde auf sehr emotionale Weise ein wichtiges Kapitel deutscher Geschichte nacherlebbar.“

Veranstaltungstermin:
„Jetzt oder nie“ – Filmvorführung mit Zeitzeugengespräch
Freitag, 20. Oktober 2006, 19.00 Uhr
Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde

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Pressekontakt:
Bettina Effner
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