Foto. Flüchtlinge warten vor dem Notaufnahmelager Marienfelde auf Einlass, 14. August 1961.
© DHM-Schirner

Januar 2015

Eine aussagekräftige Liste

Gepäckaufbewahrungsliste (ENM-002126)
Notizbuch aufschlagen
Dieses Notizbuch stammt aus der Zeit der Flüchtlingsbewegung in den Westen vor dem Mauerbau. Viele Flüchtlinge aus der DDR und Ost-Berlin kamen damals mit Gepäck und Koffern in den Westen. Was geschah mit diesen Koffern nach der Ankunft in Marienfelde, wo die Flüchtlinge das Notaufnahmeverfahren durchlaufen mussten? Die überfüllten Warte- und Büroräume waren dafür ungeeignet, daher gab es eine eigene Gepäckaufbewahung im Lager.

Das Notizbuch diente als Eingangs- und Ausgangsliste für die dort hinterlegten Gepäckstücke der Neuankömmlinge, die noch keine eigene Unterkunft hatten. In sieben Spalten sind dort jeweils das Eingangsdatum, Stückzahl, Gepäckart, Nummer des Hinterlegungsscheins, Eigentümername, Ausgangsdatum und schließlich die Unterschrift eingetragen. Die Liste wurde komplett handschriftlich erstellt, nur das jeweilige Datum gestempelt. Die schöne Kombination von Stempel und geschriebenem Titel auf dem Einband kann man als pragmatisches Zeitdokument der 1950er Jahre sehen.

Diese Liste wurde im Januar 1955 begonnnen, und die 96 Seiten waren bereits Mitte April komplett gefüllt. Die allermeisten Gepäckstücke waren Koffer und wurden dort nur für einen Tag eingelagert, nämlich bei der Ankunft. Die Flüchtlinge konnten dann ihren Antrag auf Notaufnahme stellen und nahmen anschließend das Gepäck in ihre provisorische erste Unterkunft im Lager Marienfelde oder bei Bekannten mit. Doch interessante Ausnahmen finden sich immer wieder: So wurden auch gefüllte Säcke, Gepäcknetze oder nur Aktentaschen abgegeben, wohingegen Handtaschen kaum auftauchen. Bettbündel und Decken zeugen von der ungewissen Zukunft, in welche die Flüchtlinge gingen; Kinderwagen verweisen auf die überdurchschnittliche Zahl junger Familien, die die DDR verließen. Manche Einträge fordern gar zum weiteren Forschen heraus: Eine Frau deponierte dort in der Gepäckaufbewahrung am 26. Januar 1955 außer vier Koffern auch gleich einen Wandschrank.