Foto. Flüchtlinge warten vor dem Notaufnahmelager Marienfelde auf Einlass, 14. August 1961.
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Oktober 2014

Gründe für die Ausreise

Beschwerdebrief
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Im Gegensatz zu den vielfältigen und teilweise spektakulären Fluchten aus der DDR, die im August und im September durch besondere Objekte beleuchtet wurden, kamen in den 1980er Jahren die meisten Menschen auf dem Weg der legalen Ausreise in den Westen. Dieser ungewisse und meist langwierige Weg erforderte nicht nur eine große Ausdauer und brachte diverse Schikanen mit sich, sondern produzierte auch umfangreiche Dokument- und Briefsammlungen. Denn wer sich als DDR-Bürger dazu entschloss, musste mit zahlreichen Anschreiben, Anträgen, Eingaben und Formularen über Monate oder Jahre hinweg versuchen, die Bewilligung der DDR-Regierung zu erhalten. Deren Entscheidungen über Ausreiseanträge blieben bis zum Mauerfall aber willkürlich.

Seit der Mitte der siebziger Jahre stellten immer mehr Menschen in der DDR einen solchen Antrag auf Entlassung aus der Staatsbürgerschaft und Ausreise in den Westen. Obwohl Arbeitsplatzverlust, Ausgrenzung, Überwachung durch die Stasi und sogar Haft drohten, benannten ab 1980 Zehntausende in ihren Ausreiseanträgen die Missstände in der DDR und kritisierten die Reformunfähigkeit sowie Einschränkung der persönlichen Freiheiten. Für die meisten Ausreisewilligen brachte eine Reihe von Gründen sie zu diesem entscheidenden Schritt. Hier spielten sowohl politische und gesellschaftliche Faktoren eine Rolle, ebenso aber auch die Probleme des DDR-Alltags und die Einschränkungen im privaten Bereich.

Dieser Beschwerdebrief vom Oktober 1984 stammt aus dem Dokumentenkonvolut einer fünfköpfigen Familie aus Ost-Berlin, die zu diesem Zeitpunkt bereits zum vierten Mal einen Antrag auf Ausreise gestellt hatte. Er zeigt die alltäglichen Probleme und verweist auf die Vielzahl von Gründen, die zu einem solchen Entschluss führten. Schließlich erhielt diese junge Familie die Bewilligung der Ausreise. Im Sommer 1985 verließ sie über den Bahnhof Friedrichstraße die DDR.