Foto. Flüchtlinge warten vor dem Notaufnahmelager Marienfelde auf Einlass, 14. August 1961.
© DHM-Schirner

September 2014

Spuren einer Tunnelflucht

Kinderschuhe - Spuren einer Tunnelflucht
In Museen und Gedenkstätten werden auch Objekte gezeigt, deren gebrauchter Zustand von besonderem Interesse ist. Manchmal sind es sogar die Spuren auf einem Exponat, die dessen Einzigartigkeit ausmacht und auf eine historische Gegebenheit verweisen. Bei diesen Kinderschuhen sind es die Lehmreste an der Sohle, die noch im Original von der Flucht im September 1962 stammen.

Der so genannte „Tunnel 29“ war von einer Gruppe West-Berliner Studenten gegraben worden und führte an der Bernauer Straße unter den Grenzanlagen hindurch. Der in diesem Bereich Berlins vorhandene Lehmboden erschwerte das Graben zwar enorm, sorgte aber gleichzeitig für die notwendige Stabilität des etwa 120 Meter langen Stollens. Auf diese Weise konnten sie insgesamt 29 Menschen aus Ost-Berlin die Flucht ermöglichen. Auch ein eineinhalbjähriges Kind kam auf diese Weise in den Westen, seine Schuhe blieben als Andenken in diesem Zustand erhalten. Die Geschichte des Tunnels wird in der Sonderausstellung „Risiko Freiheit. Fluchthilfe für DDR-Bürger 1961-1989“ in der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde vorgestellt.

Die Kinderschuhe sind eine private Leihgabe für die Ausstellung und werden nur zeitweise von der Sammlung betreut. Doch gerade bei solchen besonderen Objekten spielt der fachgerechte Umgang eine große Rolle, da sie nicht nur unbeschadet wieder zurückgegeben werden müssen, sondern die einzigartigen Spuren am Original zu bewahren sind. Während sonst das vorsichtige Säubern von Objekten zum Standard der konservatorischen Bestandssicherung gehört, muss in Fällen wie diesen nicht nur darauf verzichtet werden, sondern der Schmutz durch vorsichtige Handhabung soweit möglich belassen werden. Denn ein Befestigen durch etwa Kleben kommt ebenso wenig in Frage wie das Erneuern dieser historischen Spuren. So ist im Sammlungsbereich Schmutz nicht gleich Schmutz: Eigentlich ist Sauberkeit eine Grundbedingung für historische Sammlungen, aber bei manchen Objekten ist der Dreck das besonders Bewahrenswerte.