Foto. Flüchtlinge warten vor dem Notaufnahmelager Marienfelde auf Einlass, 14. August 1961.
© DHM-Schirner

August 2014

"Requisiten" für die Flucht

Zigaretten der westlichen Marke „HB“, ein Plan mit Sehenswürdigkeiten aus Kopenhagen und Zuckerstückchen von der französischen Fluglinie Air France – Fluchthelfer waren kreativ, wenn es darum ging, die Fluchtwilligen wie „echte“ westliche Touristen aussehen zu lassen. Vor allem aber waren sie vorsichtig und genau bis ins Detail. Nichts durfte die Flüchtlinge verraten, denen die Gruppe um Detlef Girrmann, Dieter Thieme und Bodo Köhler aus der DDR in den Westen verhalf. Leicht als DDR-Fabrikation erkennbare Kleidung war ebenso tabu wie ostdeutsche Banknoten und Dokumente. Jedes unbedachte Detail konnte im Zweifelsfall auffallen und zur Verhaftung der Flüchtenden führen.

Requisiten für die Flucht
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Durch genaue Organisation und hohe Professionalität verhalf die „Girrmann– Gruppe“ nach dem Mauerbau zahlreichen Menschen aus der DDR zur Flucht. Die Fluchthelfer kamen aus dem studentischen Milieu und versuchten zunächst ihre Ost-Berliner Kommilitonen mit Hilfe von gefälschten Pässen über die Grenze zu schleusen oder durch die Kanalisation zu führen. Als die Überwachung der West-Berliner und der innerdeutschen Grenze verschärft wurde, suchten sie nach neuen Wegen. Eine Route führte nun mit dem Zug von Ost-Berlin über Warnemünde oder Saßnitz nach Skandinavien, wo noch Lücken im Kontrollsystem der DDR bestanden. Die gefälschten Papiere für die Fluchtwilligen wiesen sie als ausländische Touristen aus. Dazu wurden sie mit solchen „Requisiten“ ausgestattet. Auf diese Weise wurden bis zum Februar 1962 DDR-Bürger in den Westen gebracht.

Die Fluchtrequisiten der „Girrmann-Gruppe“ befinden sich zeitlich befristet in unserer Sammlung. Es handelt sich um Leihgaben des ehemaligen Fluchthelfers Willmuth Arenhövel. Sie sind ab dem 23. August im Original in der Ausstellung „Risiko Freiheit. Fluchthilfe für DDR-Bürger 1961-1989“ in der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde zu sehen. Leihgaben werden mit der gleichen Sorgfalt behandelt, die auf eigene Sammlungsgegenstände angewendet wird. Damit die Objekte während des Ausstellungszeitraums keinen Schaden nehmen, wird darauf geachtet, dass sie unter klimatisch guten Bedingungen präsentiert werden, sie nicht durch zu starke Lichteinstrahlung ausbleichen und nicht berührt oder gestohlen werden können.