Foto. Flüchtlinge warten vor dem Notaufnahmelager Marienfelde auf Einlass, 14. August 1961.
© DHM-Schirner

Juli 2014

Zeugnis für den Neuanfang

Zeugnis für den Neuanfang
Dieses Abschlusszeugnis der Berufsschule in Beetzendorf in der Altmark stammt aus dem Jahr 1954. Es eröffnete der damals 16jährigen Ingrid Kraaß die Möglichkeit, anschließend in Dessau eine Ausbildung zur Krankenschwester zu absolvieren. Damit begann für sie nicht nur das Berufsleben, sondern es ermöglichte ihr auch sieben Jahre später die Flucht aus der DDR.

Die in Berlin geborene Ingrid Kraaß zog mit ihrer Mutter am Ende des Zweiten Weltkrieges zu den Großeltern nach Klötze, nahe der späteren innerdeutschen Grenze. Ihr Vater war als Soldat gefallen, die Mutter baute sich und ihrer Tochter als Verkäuferin in dem kleinen Ort südlich von Salzwedel eine neue Existenz auf. Nach eigenen Angaben verlebte Ingrid Kraaß dort als Jugendliche eine glückliche Zeit. Mit 14 Jahren wechselte sie für drei Jahre an die Landwirtschaftliche Berufsschule, von der dieses Zeugnis stammt.

Ingrid Kraaß arbeitete dann als Krankenschwester. Aufgrund des wachsenden Anpassungsdrucks und der Repression in der DDR entschlossen sich Mutter und Tochter aber Ende der 1950er Jahre zur gemeinsamen Flucht. Nachdem sie vorab schon größere Teile ihrer Haushalte zu Verwandten nach West-Berlin gebracht hatten, flohen sie dann nur eine Woche vor Mauerbau im August 1961 nach West-Berlin. Dank entsprechender Dokumente aus dem Krankenhaus in Ost-Berlin, in dem Ingrid Kraaß tätig war, ließen die Grenzkontrolleure sie mit der S-Bahn nach West-Berlin passieren. Hier durchliefen sie in Marienfelde das Notaufnahmeverfahren.

Für den erneuten Aufbau einer eigenständigen beruflichen Existenz im Westen waren die Ausbildungsdokumente und Zeugnisse natürlich sehr wichtig. So fand auch dieses Exemplar seinen Weg in den Westen. Die Vorderseite ist mit einem Emblem des Fünfjahresplans der DDR versehen, welcher den wirtschaftlichen Anpassungsdruck stark befördert hatte. Das Stalin-Zitat in der Innenseite zeugt von der Präsenz staatlicher Propaganda auch im Alltagsleben der frühen DDR.

Die Geschichte der Flucht von Ingrid Kraaß im August 1961 findet sich mit einer Auswahl anderer Objekte in unserer Dauerausstellung.
Zeugnis für den Neuanfang
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