Foto. Flüchtlinge warten vor dem Notaufnahmelager Marienfelde auf Einlass, 14. August 1961.
© DHM-Schirner

Juni 2014

Ausreiseantrag vom Juni 1984
Bild vergrößern [JPG, 330,00 KB]
„… wenn Ihnen unsere Nase nicht gefällt, werden wir immer auf Ablehnung stoßen.“
Dieser Antrag eines Berliner Ehepaars zum offiziellen Verlassen der DDR zeigt den aufwändigen, unsicheren und belastenden Prozess, den ein solcher Versuch mit sich brachte. Seit der Mitte der siebziger Jahre versuchten Zehntausende auf diesem Weg legal die DDR zu verlassen. Auch die Diffamierung, Schikanen und Überwachung durch die Stasi, die Ausreisewillige befürchten mussten, konnten das auf Dauer nicht verhindern. Im Frühjahr 1984 gestattete die SED auf einen Schlag etwa 30.000 Bürgern die Ausreise und hoffte damit die verstärkt öffentlichen Proteste und die Bildung einer Oppositionsbewegung zu verhindern.

Auch das Ehepaar aus Treptow ging diesen Weg und stellte am 24. Januar 1984 erstmals einen Ausreiseantrag für die Familie nach West-Berlin. Fortan waren sie mit Anträgen, Eingaben, Vorladungen und sonstigen Formalitäten ständig beschäftigt, deren Zweck von Seiten der DDR-Behörden die Verschleppung des Verfahrens und letztlich der Verzicht auf die Ausreise waren. Diese Schikanen und die sich steigernde Hoffnungslosigkeit gegenüber dem bürokratischen Apparat spiegeln sich in dem Schreiben vom Juni 1984 bereits deutlich wider. Es zeigt aber auch, welche teils offene Kritik an den Zuständen und der Gängelung von oben innerhalb der DDR in diesen Jahren bereits formuliert wurde.

Das Ehepaar spricht ironisch von ihren „Gesammelten Werken“, die mittlerweile bei den Behörden vorlägen. Ganz offen und zynisch wird „Unser hochgeschätzter Herr Honecker“ kritisiert, der jeglichen Kontakt zur arbeitenden Bevölkerung verloren habe, „es sei denn, er kann vom Zettel ablesen.“ Auch die Hinweise im Briefkopf „per Einschreibung mit Rückschein“ belegen, wie genau die Ausreisewilligen jeden Schritt dokumentieren mussten, um keine Verweigerung aus formalen Gründen zu riskieren.

Im August 1985 konnte die Familie die DDR schließlich verlassen und verbrachte eine Woche im Notaufnahmelager Marienfelde. Die Dokumente ihres beharrlichen Kampfes um ihre Ausreise sind heute Bestandteil eines Zeitzeugenkonvolutes. Diese Sammlungen verknüpfen individuelle biographische Geschichten mit detaillierten Einblicken in die historischen Zeitumstände und stellen damit wichtige Quellen der Vermittlung und Forschung dar.