Foto. Flüchtlinge warten vor dem Notaufnahmelager Marienfelde auf Einlass, 14. August 1961.
© DHM-Schirner

April 2014

Der Mantel von Frau F.

Der Mantel von Frau F.
Ein Mantel schützt vor Kälte und Witterung. Für Frau F. bedeutete ihr Wintermantel deutlich mehr. Als sie in einer Aprilnacht 1964 auf das Fluchtauto wartete, das sie in den Westen bringen sollte, trug sie diesen Mantel. Die damals 21-jährige Frau versuchte schon das zweite Mal, die DDR per Flucht über die Transitautobahn zu verlassen.

Bereits während ihrer Schulzeit in Fürstenwalde reifte in ihr der Wunsch, ihr Leben in der Bundesrepublik zu führen. Ihre Pläne wurden konkret: In West-Berlin wollte sie das westdeutsche Abitur nachholen und ein Studium der Medizin beginnen. Der Mauerbau im Sommer 1961 durchkreuzte die Lebensplanungen der jungen Frau. In den folgenden Jahren verfestigten sich ihre Fluchtgedanken. Zudem hatte sie im August 1961 ihren zukünftigen Mann kennengelernt, der ihre Flucht nun aus dem Westen organisierte.

Im Frühjahr 1964 schließlich war es soweit. Nach einem ersten Fehlschlag, bei dem sie beinahe von Volkspolizisten entdeckt worden war, versuchte sie es nun ein zweites Mal. Mit der Reichsbahn fuhr sie aus Berlin zu einem kleinen Ort in der Nähe der Transitstrecke. In völliger Dunkelheit begab sie sich in Richtung der Fahrbahn und versteckte sich in einer Kiefernschonung. Den camouflierten, dunkelgrünen Mantel hatte sie bewusst gewählt, um den Blicken der Kontrollen zu entkommen. Wie verabredet, hielt am Fahrbahnrand ein LKW und Frau F. rannte auf das Fahrzeug zu. Der Fluchthelfer versteckte sie in einer aus Stahlstangen angefertigten Kabine unter dem Führerhaus. Hier harrte die junge Frau aus, bis sie endlich den Grenzkontrollpunkt Dreilinden überquert hatten. Sie war froh über ihren dicken Wintermantel, das Versteck war zugig und die Fahrt dauerte gute zwei Stunden.

Frau F. hat den Mantel in Erinnerung an ihre Flucht aufbewahrt und der Sammlung der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde übergeben. Er könnte auch nach 50 Jahren noch gut getragen werden. Als Bestandteil der Sammlung ist er heute aber das historische Zeugnis einer Flucht aus der DDR, die durch die Unterstützung organisierter Fluchthilfe zustande kam. Ab August wird die Erinnerungsstätte speziell zu diesem Thema eine Sonderausstellung zeigen.