Foto. Flüchtlinge warten vor dem Notaufnahmelager Marienfelde auf Einlass, 14. August 1961.
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April 2012

Schreiben zur Flüchtlingssituation im Notaufnahmelager Marienfelde
Ostern 1960 (ENM-003690)

Brief Superintendent Karl Gustav Ahme, 19. 04. 1960
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„Am Ostersonntag wurde ich in Marienfelde Zeuge, wie Hunderte von neu angekommenen Flüchtlingen Schlange standen, um sich registrieren zu lassen. Ich habe in den bald 8 Jahren meiner hiesigen Tätigkeit manches gesehen, aber was ich hier sehen musste, hat mich doch aufs Tiefste erschüttert.“

Diese Zeilen schrieb Superintendent Karl Gustav Ahme, damaliger Leiter der Evangelischen Flüchtlingsseelsorge in Berlin, am 19. April 1960. Die Verhältnisse im Notaufnahme­lager Marienfelde über die Osterfeiertage veranlassten ihn, sich in einem dreiseitigen Schreiben an Vertreter der Kirche zu wenden. Er bittet um Geld und Kleidung für die Flüchtlinge sowie die Entsendung von zusätzlichen Gastpfarrern und Diakonissen. Aber nicht allein um praktische Hilfe geht es ihm; er fordert Kirchenvertreter und Gemeinden dazu auf, am Schicksal der Flüchtlinge Anteil zu nehmen und sie in ihre Gebete einzuschließen.

Die Flüchtlingszahlen, die Herr Ahme nennt, verdeutlichen die Dringlichkeit seines Schreibens: Am Karfreitag sind es 1.336, am Karsamstag 1.202, am Ostersonntag 1.006 und am Ostermontag 688 – insgesamt 4.232 Menschen in vier Tagen.

In seinem Schreiben kündigt Superintendent Ahme außerdem einen Bericht über die Bedeutung der Zwangskollektivierung in der Landwirtschaft an. Damit liefert einen Hinweis auf die Ursache des massiven Flüchtlingsansturms in jenen Tagen.

Nachdem in der DDR 1952 mit der Kollektivierung in der Landwirtschaft begonnen worden war, erreichte der Zwang zum Eintritt in eine Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG) im Frühjahr 1960 seinen Höhepunkt. Tausende Bauern verließen die DDR, mehrere Hundert begingen Selbstmord. Ende Mai 1960 waren fast aller Bauern der DDR Mitglieder einer LPG.