Foto. Flüchtlinge warten vor dem Notaufnahmelager Marienfelde auf Einlass, 14. August 1961.
© DHM-Schirner

November 2017

Jeremias' Klagelieder im November 1964

Jeremias Klagelieder im November 1964
Predigttext (Bild vergrößern)
Dieser Predigttext ist das Relikt einer besonderen kirchlichen Veranstaltung in Berlin-Nikolassee. Am dritten Novembersonntag 1964 waren hier ehemalige politische Häftlinge aus der Haftanstalt Brandenburg zu einem gemeinsamen Treffen mit Kaffee und anschließendem Gottesdienst eingeladen. Die Initiative und Durchführung lag bei der Evangelischen Flüchtlingsseelsorge, die im Notaufnahmelager Marienfelde die Probleme der ehemaligen Zuchthausinsassen kannte.

Das Zusammenbringen, der Ausflug zu einem idyllischen Ort und der gemeinsame Gottesdienst sollten den amnestierten politischen Häftlingen eine konkrete Erleichterung bringen und für den Lebensweg im Westen hilfreich sein. Die berlin-brandenburgische Landeskirche sah in dieser Unterstützung auch eine Möglichkeit, drei Jahre nach Mauerbau ihren Anspruch auf Seelsorge im geteilten Deutschland in konkrete Aktionen umzusetzen.

Die Eingeladenen kamen per Bus-Sonderfahrt nach Nikolassee und wurden vom Kirchenrat zu einer großen Kaffeetafel eingeladen, worauf eine Filmvorführung folgte. Beim abschließenden Gottesdienst in der Kirche Nikolassee war diese Predigt der zentrale Bestandteil. Ausgehend von den Klageliedern Jeremias‘ stellte sie eine Parallele zwischen der Vertreibung der Israeliten und dem Zusammenbruch des Deutschen Reiches 1945 her, die beide als Katastrophe erlebt worden seien, aber aus der neue Hoffnung erwachsen sei. Die politische Verfolgung und Inhaftierung von Christen in der DDR wurde angeprangert und auf die Verpflichtung der humanitären Hilfeleistung für die ehemaligen Häftlinge auch nach deren Amnestierung und Ankunft im Westen verwiesen.

Denn nicht nur die erlebte Verfolgung, die Verurteilung und Haftstrafe stellten für diese Menschen eine nachwirkende Belastung dar, sondern viele erlebten auch in West-Berlin eine Isolierung und empfanden als ehemalige Häftlinge eine soziale Ausgrenzung. Trotz der wiedergewonnenen persönlichen Freiheit war für sie die Lage in West-Berlin alles andere als leicht, wovon auch diese Predigt Zeugnis ablegt.