Foto. Flüchtlinge warten vor dem Notaufnahmelager Marienfelde auf Einlass, 14. August 1961.
© DHM-Schirner

Oktober 2017

Ein langer Weg

Ein langer Weg
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Ein alter, grau-blauer Kunstlederkoffer, mit Ledergriff und Reißverschluss. Entsprechend der damaligen Mode befindet sich auf der Oberseite eine kleine Tasche, in welcher ein Adresszettel eingesteckt werden konnte sowie zwei weitere Fächer. Ein gewöhnlicher kleiner Reisekoffer aus den 1970er Jahren, in dem sich jedoch eine besondere Geschichte verbirgt.

Mit diesem Koffer betrat die einundzwanzigjährige Silvia K. im April 1979 die Grenzübergangsstelle Bahnhof Friedrichstraße und verließ für immer die DDR. Seit mehr als zwei Jahren hatte sie auf diesen Moment hingearbeitet und ihn sich herbeigewünscht, nun jedoch fiel der Weg in eine komplett neue und unbekannte Zukunft schwer.

Silvia K. kam 1959 in Ost-Berlin zur Welt und wuchs im Prenzlauer Berg auf. Ihre Mutter war in Österreich geboren, lebte aber schon lange vor dem Mauerbau mit ihrem Mann in Ost-Berlin. Als ihre Eltern sich 1970 scheiden ließen, entschloss sich die Mutter zum Verlassen der DDR und beantragte die Übersiedlung gemeinsam mit ihren beiden Töchtern. Doch die SED-Regierung gestattete nach einem jahrelangen Verfahren nicht die Ausreise für die gesamte Familie. Da die Ausreisebewilligung befristet war, musste ihre Mutter trotz zahlreicher Bemühungen allein die DDR verlassen. Silvia K. blieb als Sechzehnjährige zurück und stand nun unter Beobachtung der Stasi, die auch den Kontakt mit ihrer Mutter unterband. Fortan bemühte Silvia K. sich um einen eigenen Antrag auf Ausreise im Zuge der Familienzusammenführung. Erst nach weiteren zwei Jahren, in denen sie sich bewusst gegen den Staat stellte und damit Überwachung und Schikanen ausgesetzt war, erhielt sie die Erlaubnis, die DDR zu verlassen.

Ihre Mutter erwartete sie nach ihrer Ausreise über den Bahnhof Friedrichstraße bereits in West-Berlin und nahm sie auf. Dennoch musste Silvia K. das Bundesnotaufnahmeverfahren im Notaufnahmelager Marienfelde durchlaufen, bevor sie eine ständige Aufenthaltserlaubnis für die Bundesrepublik Deutschland erhielt.