Foto. Flüchtlinge warten vor dem Notaufnahmelager Marienfelde auf Einlass, 14. August 1961.
© DHM-Schirner

Mai 2017

Odyssee eines Elfjährigen

Odyssee eines Elfjährigen
Bild vergrößern
Am Ende der Sommerferien im Jahr 1960 hielt sich der elfjährige Rainer aus Leipzig unfreiwillig in Potsdam-Babelsberg auf. Er war von seiner Pflegemutter in Leipzig dorthin gebracht worden, um ihn dem Zugriff der DDR-Behörden zu entziehen und nach West-Berlin zu bringen. Denn seine leibliche Mutter, eine Schaffnerin aus Leipzig, war kurz zuvor mit ihren beiden jüngeren Kindern in den Westen geflohen. In Marienfelde waren sie im Rahmen des Notaufnahmeverfahrens untergebracht worden. Kurz nach der Flucht kam bereits die Polizei zu Rainers Pflegemutter und forschte nach dem Verbleib des Jungen. Es bestand die Gefahr, dass Rainer nicht seiner Familie folgen konnte, sondern in der DDR und voraussichtlich zwangsweise in staatlicher Fürsorge und einem Kinderheim verbleiben musste.

Daher hatte seine Pflegemutter ihn nach Potsdam zu einer gemeinsamen Bekannten, einer dort lebenden Rentnerin, gebracht. Während der Sommerferien fiel das nicht auf, doch musste er schnellstmöglich zu seiner Familie gebracht werden. Rainers Mutter und Geschwister waren aber bereits aus Berlin nach Gießen ausgeflogen worden und mittlerweile im Flüchtlingslager Waldbröl in Nordrhein-Westfalen untergekommen. Dort versuchten sie nun, Rainer ebenfalls einen Weg in den Westen zu ermöglichen. Er musste zwar nur von Babelsberg nach Marienfelde gelangen, aufgrund der abgesperrten Grenzen zwischen Potsdam und West-Berlin stellte das aber eine gefährliche Flucht dar.

Das Notaufnahmelager Marienfelde erhielt daher dieses Schreiben mit Bild des Jungen, um ihn im Falle einer erfolgreichen Flucht identifizieren und aufnehmen zu können. Rainer hat sich jedoch nie dort gemeldet.