Foto. Flüchtlinge warten vor dem Notaufnahmelager Marienfelde auf Einlass, 14. August 1961.
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Februar 2017

Wie im Jahr 1772

Wie im Jahr 1772
Strafsache wegen Nichtablieferung
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Die Landwirtin Charlotte Behncke betrieb seit 1933 den Familienhof in dem mecklenburgischen Dorf Zernin bei Güstrow. Die 68 Hektar große Gut war seit dem 18. Jahrhundert in Familienbesitz und wurde von ihr erfolgreich betrieben. Im Zuge der von der SED betriebenen Kollektivierung in der Landwirtschaft wurden private Bauernhöfe mit hohen Abgabenforderungen und Justizwillkür zum Verkauf und Aufgabe gedrängt.

Auch Charlotte Behncke wurde durch stetig steigende Ablieferungsquoten und Beschlagnahmungen in wirtschaftliche Not gebracht. Zudem war sie Mitglied der liberal ausgerichteten Partei LDP, die sich dem Führungsanspruch der SED widersetzte. Als sie aufgrund schwerer Hagelschäden und darauffolgendem Ernteausfall nicht die staatliche Abgabe leisten konnte, wurde sie von der DDR-Staatsanwaltschaft als Wirtschaftsverbrecherin beschuldigt und im Oktober 1950 auf ihrem Hof verhaftet.

Sie erinnert sich daran: "Eingeliefert wurde ich in das Untersuchungsgefängnis im Rathaus und dort bei Gewohnheitsdiebinnen und anderem einschlägigem Publikum untergebracht, alle kannten sich schon gut mit den Gepflogenheiten aus. Tagsüber durften wir uns nicht auf die Pritschen legen, daher habe ich immerzu auf einem der Holzschemel im Sitzen geschlafen, so erschöpft war ich durch die Anspannungen der letzten Zeit. […] Nach vielleicht vier Tagen durfte ich nach Hause gehen, der Prozeß stand mir allerdings noch bevor."

Das Dokument zeigt die Vorladung zu dem Prozess wegen "Nichtablieferung". In dem Verfahren verwies Charlotte Behncke auf den DDR-Präsidenten Wilhelm Pieck, der sich dafür ausgesprochen hatte, dass Bauernhöfe trotz der staatlichen Abgabenquote das Notwendige zur Weiterführung ihrer Existenz behalten müssten. Tatsächlich erhielt sie einen Freispruch mit der Begründung, dass sie kein Getreide versteckt hatte und die wetterbedingte Missernte ihr nicht anzulasten sei. Doch als im darauffolgenden Jahr zusätzlich zur Abgabenquote von 1951 auch die Ablieferungsforderung aus dem Prozess wieder gestellt wurde, entschloss sie sich schweren Herzens zur Aufgabe des Familienhofes und floh in den Westen.

Der Prozess erinnerte Charlotte Behncke immer wieder an einen Eintrag aus der eigenen Hofchronik. Schon ihrem Vorfahren war als Pächter im Jahr 1772 vom herzoglichen Amt vorgeworfen worden, das geerntete Getreide heimlich verkauft zu haben und sich damit des Betruges schuldig gemacht zu haben.