Foto. Flüchtlinge warten vor dem Notaufnahmelager Marienfelde auf Einlass, 14. August 1961.
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Januar 2017

Verzweifelt oder krank?

Verzweifelt oder krank?
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Seit einigen Jahren werden verstärkt Angriffe auf Mitarbeiter in deutschen Behörden und Ämtern vermeldet. Vor allem Hilfestellen für Sozialleistungen und Flüchtlingsverfahren werden immer Orte von Auseinandersetzungen zwischen dem Öffentlichen Dienst und den individuellen Antragstellern. Die teils schwierige Situation zwischen dem das Verfahren oder die Leistung bearbeitenden Mitarbeiter und dem auf konkrete Hilfe hoffenden Antragsteller kann sich in persönlich ausgetragenen Konflikten, Beleidigungen und tätlichen Angriffen entladen. Dies ist keine neuartige Erscheinung, wie einige besondere Dokumente in unserem Archiv aus dem Jahr 1954 zeigen.

Der 34jährige Karl K. war Ende Januar 1954 aus der DDR nach West-Berlin geflohen und durchlief in Marienfelde das Notaufnahmeverfahren. Da er vermutlich keine Verwandten oder Freunde im Westteil der Stadt hatte, wurde er am 1. Februar für zwei Wochen in die Notunterkunft im Fichtebunker eingewiesen. Unmittelbar danach hatte er im Streit einen Angestellten attackiert, woraufhin sein Notaufnahmeverfahren unterbrochen und er in ein Krankenhaus eingewiesen wurde. Diese Informationen ergeben sich aus einem neu angelegten, zweiten Laufzettel mit angehängtem Vermerk, der als Grund für den Angriff Schizophrenie angibt: "z.[ur] B.[ehandlung] Schizophrenie / 3.2.54 11h zur Vorstellung in der psych.[ologischen] Beratungsstelle. Bis dahin Haus G. Einweisung nach Heilstätten Wittenau nach tätlich[em] Angriff auf Angestellten. 2.2.54".

Die beiden Laufzettel bleiben danach unausgefüllt, und der weitere Weg von Karl K. ist unbekannt. Sein Notaufnahmeverfahren wurde nicht abgeschlossen, vermutlich kehrte er nicht nach Marienfelde zurück und blieb als so genannter "Illegaler" im Westen. Möglicherweise ging er auch in die DDR zurück. Die Frage, ob er aus Verzweiflung über seine Lage in Streit mit seinem Bearbeiter geriet oder tatsächlich psychisch krank war, muss ungeklärt bleiben. Denn die schwierige Situation der Flüchtlinge, die überfüllten Lager und die Sorge um die eigene Zukunft stellten in jedem Fall für jeden von ihnen eine große individuelle Belastung dar.