Foto. Flüchtlinge warten vor dem Notaufnahmelager Marienfelde auf Einlass, 14. August 1961.
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Juli 2016

"Mehr Hausaufgaben geben!"
Schulzeugnis
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Zeugnis, Seite 1Zeugnis, Seite 2
Das aktuelle Schuljahr neigt sich mit schnellen Schritten dem Ende zu und damit naht auch die Zeugnisausgabe – für manch einen Anlass zur Freude, andere sehen diesem Tag eher mit Schrecken entgegen. Doch auch neben den Noten und der individuellen Gesamteinschätzung kann ein solches Dokument so manchen Sprengstoff enthalten.

Die Erinnerungsstätte hat von der Stifterin und Zeitzeugin Hannelore Jockisch, geb. Held, einen vollständig erhaltenen Satz Zeugnisse aus ihrer Schulzeit erhalten, die sie an der Grund- und Oberschule im thüringischen Haselbach von 1956 bis 1964 absolviert hat. Im Rahmen eines Zeitzeugenkonvoluts zu ihrer Ausreise und Ausbürgerung aus der DDR im Jahr 1986 übergab sie zahlreiche persönliche Dokumente; von Arbeitsverträgen über Urkunden bis hin zu diesen Zeugnissen.

An sich belegen diese Schriftstücke auch in ihrer Gesamtheit nichts Außergewöhnliches, doch gerade individuell vorgenommene Änderungen machen aus einem normalen Zeugnis etwas ganz Besonderes. Hier sieht man am Rotstift deutlich, wie der Vater von Hannelore Held das Zeugnis aus ihrem fünften Schuljahr - dem 1. Halbjahr 1960/1961 - nicht einfach nur unterschrieben und somit zur Kenntnis genommen hat, sondern es gleichzeitig für eine klare Mitteilung an die Klassenlehrerin nutzte: „Mehr Hausaufgaben geben!“, forderte er neben seiner Unterschrift. Dieser Eintrag macht das an sich schon persönliche Dokument noch etwas individueller und hebt es aus der Menge gleichartiger Dokumente hervor – für Sammlungen stets ein besonderer Grund zur Bewahrung. Kann man daran doch viel z.B. über das Vater-Tochter-Verhältnis sowie über die damaligen Erziehungs- und Bildungsmethoden ableiten.

Ob die Klassenlehrerin der Aufforderung nachgekommen ist und welche Auswirkung sie auf den Klassenverband hatte, ist unbekannt. Aus heutiger Sicht der Bildungsforschung ist glücklicherweise angemerkt, dass die reine Quantität an Hausaufgaben nicht automatisch die Qualität der Noten befördert.