Foto. Flüchtlinge warten vor dem Notaufnahmelager Marienfelde auf Einlass, 14. August 1961.
© DHM-Schirner

Juni 2016

Ein Frankfurter Busfahrer im Solidaritätseinsatz

Bus-Führerschein von Hans Werk
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Der Mauerbau kam plötzlich und unerwartet am 13. August 1961, mitten in der Nacht. Innerhalb weniger Stunden sperrte die DDR-Führung die Grenze zu West-Berlin mit Stacheldraht ab und baute in den nächsten Wochen und Monaten eine undurchlässige Mauer. Sie trennte die Millionenstadt Berlin; Familien und Freunde wurden auseinandergerissen, das letzte „Schlupfloch“ in den Westen gestopft.
Doch die Trennung hatte auch ganz praktische Auswirkungen, z.B. auf den öffentlichen Nahverkehr der Berliner Verkehrsbetriebe BVG: Viele Busse und U-Bahnen des systemübergreifend agierenden Unternehmens waren im Osten verblieben. Zudem fehlte Personal, da plötzlich die „Grenzgänger“ nicht mehr zum Dienst konnten – Personen aus Ost-Berlin, die im Westen arbeiteten. Die verbliebenen West-Berliner KollegInnen mussten die nun zusätzlich anfallenden Arbeitsstunden auffangen und erreichten dabei schnell ihre Grenzen. An etwa 60.000 Überstunden monatlich erinnert sich der Zeitzeuge Hans Werk, welche das West-Berliner BVG-Personal in dem Zeitraum kurz nach Mauerbau leisten mussten.

Hans Werk, gebürtiger Berliner, siedelte sich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs im hessischen Oberfranken an und arbeitete sich bei der Verkehrsgesellschaft Frankfurt/Main vom Wagenwäscher zum Omnibusfahrer hoch. Nachdem die dramatischen Auswirkungen innerhalb der BVG bekannt wurden, erfolgten Aufrufe zu einem Solidaritätseinsatz auch an BusfahrerInnen in den westdeutschen Städten. Hans Werk flog am 3. September 1961 mit sieben Frankfurter KollegInnen nach Berlin, während ihre Busse mit der Bahn transportiert wurden. Eigentlich war seine Unterstützung lediglich für vier Wochen geplant, doch Hans Werk verlängerte seinen Einsatz bis zum 1. Mai 1963 und war als Vertrauensmann und Sprecher für die westdeutsche Besatzung zuständig. Noch heute schwärmt er von der guten Einarbeitung durch das BVG-Personal in das komplexe Berliner Stadtnetz sowie das freundliche Nachsehen der Bevölkerung, wenn sich die Ortsunkundigen aus dem Westen doch einmal verfuhren. Auch wenn die Busse stets überfüllt waren – was auch am Boykott der S-Bahn lag, deren Einnahmen durch die Zugehörigkeit der Reichsbahn zur DDR-Regierung dem gegnerischen System zugutekamen –, war die Stimmung unter den Fahrgästen in seiner Erinnerung selten schlecht. Die Stadt ließ ihn nicht mehr los und so kehrte Hans Werk nach einem Studium an der Akademie der Arbeit in Frankfurt/Main 1965 nach Berlin zurück, wo er bis heute lebt.