Foto. Flüchtlinge warten vor dem Notaufnahmelager Marienfelde auf Einlass, 14. August 1961.
© DHM-Schirner

April 2016

BVG-Plan von 1961

BVG-Plan von 1961
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Im Zuge von Recherchen für die Dauerausstellung fanden sich in einem Keller des ehemaligen Notaufnahmelagers für DDR-Flüchtlinge mehrere Stapel alter Papiertüten. Sie stammten vor allem aus der Zeit der größten Flüchtlingswellen aus den 1950er Jahren bis zum Mauerbau 1961. Der Inhalt dieser Fundsachen besteht größtenteils aus Brieftaschen, persönlichen Dokumenten und privaten Erinnerungsstücken.

Warum blieben diese Objekte damals im Lager Marienfelde zurück? Wurden sie von den Flüchtlingen vergessen oder absichtlich liegen gelassen? Möglicherweise sind die Objekte, die wohl meist aus Brief- und Handtaschen stammten, gestohlen worden und wurden dann zurückgelassen, während die eigentlichen Besitzer längst das Lager verlassen hatten. Diese teils sehr privaten Fundsachen werfen viele Fragen auf: Wer waren die Menschen, denen diese Dinge einst gehörten? Können die Fundsachen uns etwas über ihre Geschichte erzählen? Es sind Fragmente von Biografien, die wir nicht kennen, die aber manchmal eine Geschichte erkennen lassen.

Diese originalen Fundsachen werden Schülerinnen und Schülern in diesem April erstmals sichten und als Inspiration für lyrische Werke nutzen. In der Erinnerungsstätte findet der „lyrix“-Bundeswettbewerb für junge Dichterinnen und Dichter statt. Seit 2008 führen der Deutschlandfunk und der Deutsche Philologenverband mit einer Schreibwerkstatt vor Ort und einem Online-Wettbewerb Jugendliche zur Lyrik und an das kreative Schreiben heran. Einige der noch ungeöffneten Fundsachen können Besucher als Installation in der Dauerausstellung finden.

Auch dieser BVG-Plan von 1961 entstammt einer solchen Fundsammlung, die jedoch bereits im Archiv erschlossen ist. Der stark abgenutzte U-Bahn-Plan – mehrfach rückseitig geklebt – befand sich in einer sonst leeren Brieftasche. Aus den wenigen anderen Dokumenten wissen wir nur, dass der Besitzer Josef S. in Toba nahe dem thüringischen Sondershausen lebte und im April 1961 nach West-Berlin geflohen war. Der Plan zeigt das noch komplette U-Bahn-Netz über die Sektorengrenzen hinweg, jedoch ist die Grenze zwischen West- und Ost-Berlin bereits deutlich markiert. Viele U-Bahnhöfe tragen noch ihre alten Namen, und der Plan verweist auch auf das damals im Westteil der Stadt noch umfangreiche Straßenbahnnetz. Die Unterbrechung der öffentlichen Nahverkehrsstrecken durch den Mauerbau machte dieser Plan nach dem 13. August 1961 mit einem Schlag obsolet. Er war nun nur noch ein Relikt der Zeit, als Berlin aufgrund der Durchlässigkeit der Ost-West-Grenze als „Schlupfloch“ für Flüchtlinge galt.