Foto. Flüchtlinge warten vor dem Notaufnahmelager Marienfelde auf Einlass, 14. August 1961.
© DHM-Schirner

Februar 2016

Ein Luftangriff im Zweiten Weltkrieg und seine Folgen

Ein Luftangriff im Zweiten Weltkrieg und seine Folgen
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In den biographischen Konvoluten der Erinnerungsstätte bilden sich die unterschiedlichen Lebenswege im geteilten Deutschland nach 1945 ab. Gleichzeitig geben Sie Einblicke in die damaligen Alltagsbedingungen und enthalten auch Dokumente aus früheren Zeiten. Auch in diesen lebensgeschichtlichen Zeugnissen wird deutlich, dass die deutsche Nachkriegsgeschichte und die Zeit des Kalten Krieges nicht isoliert vom größeren historischen Kontext betrachtet werden können.

Als eindrückliches Beispiel dient diese Bescheinigung aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges, die von einer aus der DDR geflüchteten Frau Mitte der 1950er Jahre im Notaufnahmelager Marienfelde zurückgelassen oder verloren wurde. Es handelt sich um die Bescheinigung des kompletten Haushaltsverlustes durch einen Bombenangriff im Januar 1944. Der (von uns anonymisierte) Text lautet: „Es wird hiermit bescheinigt, daß Fr. Anna K. wohnhaft in Lehnitz, Oranienburger Str. 1 am 17.1.1944 durch Wohnungsbrand im Hause des Eigentümers Lothar S., Grütterstraße 31, alle Gebrauchsgegenstände, sämtliche Bekleidungsstücke und alle Papiere verloren hat. Diese Bescheinigung dient zur Beschaffung von Papieren und Ausstellung von Bezugsscheinen.“ Das Dokument ist vom Leiter der hiesigen Schutzpolizei unterzeichnet.

Aus weiteren zurückgelassenen Dokumenten wissen wir, dass die damals 47jährige Anna K. vor allem Kleidungsstücke, aber auch Kaffee- und Tee-Service, Teppiche, Möbel und einen Volksempfänger als Bombenverlust meldete. Sie erhielt danach in Lehnitz eine andere Unterkunft, welche allerdings dreizehn Monate später ebenfalls durch Luftangriffe zerstört wurde. Kurz vor oder nach Ende des Zweiten Weltkrieges verließ sie Lehnitz und ging nach Calbe in Sachsen-Anhalt. Dort erfuhr sie 1952 vom Inkrafttreten des westdeutschen Lastenausgleichsgesetzes und stellte - obwohl SED-Mitglied - einen Antrag auf Kriegsschädenausgleich in West-Berlin. Als Belege reichte sie auch Quittungen aus dem Jahr 1945 für Ersatzkäufe in Lehnitz ein, die mit dem Vermerk „Fliegerschaden“ versehen sind. Sie bemühte sich zu dieser Zeit um einen Zuzug nach West-Berlin, der jedoch ebenso wie Ausgleichszahlungen abgelehnt wurde. Wann und wie sie aus der DDR flüchtete und nach Marienfelde kam, bleibt unklar.