Foto. Flüchtlinge warten vor dem Notaufnahmelager Marienfelde auf Einlass, 14. August 1961.
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Januar 2016

Ein geflohener Betriebsausweis

Ein geflohener Betriebsausweis
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Im Januar 1960 erhielt das Notaufnahmelager Marienfelde offizielle Post vom „Volkseigenen Betrieb (VEB) Güterkraftverkehr und Spedition“ aus Reichenbach im Vogtland. In dem vom dortigen Betriebsleiter verfassten Brief wird in knapper, aber höflicher Form um die Rückgabe eines Betriebsausweises gebeten.

Karl-Heinz L. war in dem Reichenbacher VEB beschäftigt und dann Ende 1959 aus der DDR geflohen. Nachdem er zunächst aus seinem Heimatort Rotschau im Vogtland nach Ost-Berlin gefahren war, konnte er von dort mit der S-Bahn in den Westen fahren. Wie viele andere DDR-Flüchtlinge hatte er dabei seine Personal- und Berufsdokumente mitgenommen, auch um sich im Falle einer Kontrolle ausweisen zu können. Der 37jährige Karl-Heinz L. kam dann in West-Berlin in das Notaufnahmeverfahren und wurde in Marienfelde untergebracht.

Erstaunlich ist die Tatsache, dass der Reichenbacher Betriebsleiter darauf verweist, dass er über den Verbleib des in der DDR-Diktion „republikflüchtigen“ ehemaligen Mitarbeiters durch die Polizei aufgeklärt wurde. Diese Information konnte nicht von den bundesdeutschen Behörden kommen, sondern verweist auf die Überwachungsmethoden der DDR: Entweder war der Aufenthaltsort im Zuge der Bespitzelung des Lagers Marienfelde durch die Stasi bekannt geworden, oder deren heimliche Überprüfung des innerdeutschen Postverkehrs hatte zu der Information geführt.

Als Beleg für die deutsche Gründlichkeit ist der letzte Absatz zu sehen, in dem der Betriebsleiter um die Rücksendung des Betriebsausweises bittet und für die Erledigung sich im Voraus bedankt. Ob der Reichenbacher VEB seinen geflohenen Betriebsausweis zurückerhalten hat, ist jedoch leider nicht bekannt.