Foto. Flüchtlinge warten vor dem Notaufnahmelager Marienfelde auf Einlass, 14. August 1961.
© DHM-Schirner

August 2015

„… wie Flüchtlinge ausgesehen haben“

… wie Flüchtlinge ausgeschaut haben Unmittelbar vor ihrem Abflug vom Flughafen Tempelhof im März 1952 wurde Ute Hennemann von ihrem Bruder spontan aufgefordert, sich noch einmal mit ihrem spärlichen Hab und Gut fotografieren zu lassen: „Dann wissen wir später noch, wie Flüchtlinge ausgesehen haben.“ Sie war vier Monate zuvor aus der DDR nach West-Berlin geflohen und durchlief hier das Notaufnahmeverfahren. Wie die meisten anderen Flüchtlinge wurde sie einige Monate später per Flugzeug in die Bundesrepublik ausgeflogen, wo sie sich eine neue Existenz aufbauen musste. Von den regelmäßigen Flügen von Flüchtlingen aus West-Berlin existieren nur relativ wenige historische Aufnahmen, und dieses individuelle Porträt unmittelbar vor dem Abflug stellt eine Rarität dar.

Ute Hennemann wurde am 25. August 1929 in Schwerin als Tochter eines mecklenburgischen Lehrerehepaars geboren und erlebte als Jugendliche die Kriegszeit und das Kriegsende. Die Familie musste während der sowjetischen Besatzungszeit mehrfach ihre Wohnungen räumen. Nach ihrem Abitur 1949 erhielt Ute Hennemann einen Lehramts-Studienplatz an der Humboldt-Universität in Ost-Berlin. Ihr älterer Bruder Dieter war inzwischen aus der Kriegsgefangenschaft nach West-Berlin gekommen, wo er als Journalist für das „Informationsbüro West“ (IWE) tätig war. Das IWE war eine der bekanntesten Agenturen, die sich damals wie viele andere Gruppierungen mit Unterstützung der Westalliierten einer antikommunistischen Aufklärungsarbeit und gezielten Hilfe für Oppositionelle in der DDR widmete. Durch seine Arbeit sah Dieter Hennemann auch seine Schwester in Ost-Berlin gefährdet. Mit einer fingierten Botschaft lockte er sie daher im November 1951 zu sich nach West-Berlin und überzeugte sie zum Bleiben. Um ihre Eltern zu schützen, verfasste Ute Hennemann nachträglich einen Abschiedsbrief, in dem sie ihre politische Einstellung und Flucht als Bruch mit ihren Eltern darstellte. Wie sich später herausstellte, wurde ihre Familie in der DDR dennoch überwacht, eine Rückkehr hätte für die junge Studentin die sichere Verhaftung bedeutet.

Als quasi unfreiwilliger DDR-Flüchtling kam sie zunächst bei Verwandten in West-Berlin unter. Im Notaufnahmeverfahren erhielt sie die Zuteilung nach Hessen, da sie sich bereits um einen Studienplatz in Gießen bemühte. Im März konnte Ute Hennemann dann Berlin von Tempelhof aus verlassen, wo ihr Bruder zum Abschied diese Aufnahme machte. Es gehört zu einem umfangreichen Familienkonvolut, das ihr Neffe Christian Nieske der Erinnerungsstätte geschenkt hat. Eine ausführliche Schilderung der Erlebnisse und Erfahrungen seiner Tante finden sich in seinem Buch „Republikflucht und Wirtschaftswunder. Mecklenburger berichten über ihre Erlebnisse 1945 bis 1961“, Schwerin 2001.